Pessarium: Der umfassende Leitfaden zum Pessarium – Anwendung, Pflege und Lebensqualität

In Österreich und vielen anderen Ländern gehört das Pessarium (häufig auch pesszárium in der fremdsprachigen Schreibweise) zu den bewährten, nicht-operativen Behandlungsmöglichkeiten bei Beckenbodenproblemen. Es handelt sich um eine kleine Vorrichtung aus Silikon oder Latex, die vaginal platziert wird, um Organe wie Gebärmutter, Blasenhals oder Scheidenvorwölbungen zu stützen. Dieser umfassende Leitfaden erklärt, was Pessaria sind, welche Typen es gibt, wann sie sinnvoll sind, wie sie angewendet werden und wie man damit Alltag und Lebensqualität positiv beeinflusst. Er richtet sich an Patientinnen, Partnerinnen, medizinisch Familienangehörige und medizinische Fachkräfte, die sich fundiert informieren möchten.
Pessarium oder pesszárium: Was steckt dahinter?
Der Begriff Pessarium stammt aus dem Lateinischen “pessarium” und bezeichnet eine prosthetische Vorrichtung zur Unterstützung der Beckenorgane. Im Deutschen wird das Wort Pessarium oft verwendet, während in der Alltagssprache auch die Bezeichnung Pessar vorkommt. Wichtig ist: Es handelt sich um ein wiederverwendbares Hilfsmittel, das in der Regel von Fachärztinnen oder -ärzten angepasst wird und in der Regel erst nach einer sorgfältigen Untersuchung eingesetzt wird. Ein Pessarium ersetzt keine Behandlungsoption, sondern ergänzt sie, insbesondere bei Beckenbodeninstabilität, Vorfällen der Scheide oder Belastungsinkontinenz. In Österreich sind Klinik- und Hausärztinnen-Netzwerke gut darauf vorbereitet, Patientinnen über das Pessarium aufzuklären und eine individuelle Lösung zu finden.
Die Grundidee ist einfach: Eine Form, die sich dem Raum der Scheide anpasst, stützt die betroffenen Strukturen, verhindert das Vorfallen von Gewebe und reduziert Beschwerden. Das Pessarium ist in der Regel gut verträglich, hygienisch sinnvoll zu handhaben und erlaubt oft Sport, Sexualleben und Alltagsaktivitäten weitgehend unbeeinträchtigt zu gestalten. Im Folgenden werden die wichtigsten Aspekte kompakt dargestellt: Typen, Indikationen, Anpassung, Anwendung, Pflege und Kommunikation mit dem medizinischen Team.
Es gibt verschiedene Pessary-Typen, die sich in Form, Größe und Einsatzgebiet unterscheiden. Die Wahl hängt von individuellen anatomischen Gegebenheiten, Beschwerden und Lebensstil ab. Eine sorgfältige Anpassung durch eine Fachkraft ist entscheidend, damit das Pessarium wirkungsvoll sitzt und angenehm zu tragen ist.
Ringpessar (Ring-Pessar)
Das Ringpessar ist der häufigste Typ. Es besitzt eine ringförmige Struktur, die sich gut an die Scheidenwand anschmiegt und Gewebe stützt. Ringpessaria eignen sich oft gut für leichte bis mittlere Prolaps-Befunde und sind in unterschiedlichen Größen und Materialien erhältlich. Der Vorteil: gute Vergleichbarkeit, einfache Handhabung und große Verfügbarkeit. Ringpessaria können oft auch von Patientinnen selbst eingeführt und wieder entfernt werden, wobei eine fachliche Einweisung sinnvoll bleibt.
Donut-Pessar (Donut-Pessar)
Das Donut-Pessar hat eine leicht abgeflachte, „donut“-artige Form. Es passt sich besonders gut bei tiefer Prolapslage an und bietet stabile Unterstützung. Donut-Pessaria eignen sich gut bei fortgeschritteneren Formen des Beckenboden-Prolapses oder wenn der Ring nicht ausreichend sitzt. Die Handhabung kann etwas anspruchsvoller sein, ist aber mit Übung gut zu bewältigen, oft unter Anleitung einer Spezialistin.
Sachseitiges Pessar und Halbkugel-Pessaria
Weitere Formen, wie das halbkugelige Pessar oder spezialisierte Designs, kommen in Frage, wenn Ring- oder Donut-Pessarien nicht optimal sitzen oder der Befund besondere Anforderungen stellt. Ihr Einsatz erfolgt individuell nach Befund, Beckenbodenanalyse und Patientenvorgaben. Ziel ist immer eine individuelle, komfortable Lösung, die langfristig gut getragen werden kann.
Materialien: Silikon, Latex und Hybride
Die gängigsten Materialien sind Silikon (medizinisch reines Silikon) und Latex. Silikon ist oft bevorzugt, da es gut hautverträglich ist, eine längere Haltbarkeit besitzt und Allergien seltener auftreten. Latex-Pessaria können eine Alternative sein, sind aber bei Latexallergie tabu. Zudem gibt es hybride Varianten, die Vorteile verschiedener Materialien kombinieren. Die Materialwahl hängt von individuellen Hautempfinden, Allergien, Reinigungserfordernissen und Beckenbodenbefund ab. Eine fachärztliche Beratung klärt oft auch Materialverträglichkeiten.
Beckenbodenprobleme treten nicht selten im Laufe des Lebens auf, besonders nach Schwangerschaften, Geburt, hormonellen Veränderungen oder zunehmendem Alter. Ein Pessarium kann in folgenden Situationen sinnvoll sein:
- Beckenbodenvorfall oder Gewebevorfall in der Scheide (Uterusprolaps, Zervixprolaps, Einriß der Scheide) mit Beschwerden beim Gehen, Stehen oder Heben.
- Nicht-operativer Behandlungserfolg nach konservativen Therapien oder Rehabilitationsmaßnahmen.
- Primäre oder sekundäre Belastungsinkontinenz, insbesondere bei körperlicher Belastung wie Heben, Laufen oder Husten.
- Personen, die eine Operation vermeiden möchten oder deren Operationrisiken hoch sind, bevorzugen oft eine Pessariumslösung.
- Sportliche Aktivitäten, die durch Prolaps oder Inkontinenz beeinträchtigt werden, können durch Pessarium besser toleriert werden.
Zu den Kontraindikationen gehören unter anderem akute Infektionen im Genital- oder Harntrakt, unklare Prolapsformen, die eine akute chirurgische Abklärung benötigen, sowie stark entzündliche oder irritative Gewebeformen. In jedem Fall ist eine gründliche Untersuchungen durch eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen erforderlich, um festzustellen, ob ein Pessarium sinnvoll ist und welches Modell passt.
Die richtige Wahl des Pessariums beginnt mit einer fachärztlichen Untersuchung. Ziel ist es, Form, Größe, Sitz und Material zu bestimmen, damit das Pessarium stabil sitzt, keine Druckstellen verursacht und zugleich eine natürliche Funktion der umliegenden Strukturen gewährleistet bleibt.
Typischer Ablauf einer Erstuntersuchung:
- Erhebung der Krankengeschichte, insbesondere Beckenbodenbeschwerden, Inkontinenz, Schmerzen oder Infektionen.
- Beckenbodenuntersuchung und ggf. Ultraschall, Beurteilung der Prolaps-Stufe und der Vaginalwand.
- Bestimmung der geeigneten Pessary-Größe und -Form in Abhängigkeit von Befund und Lebensstil.
- Aufklärung zu Einsetzen, Herausnehmen, Reinigung und regelmäßigen Kontrollen.
Die Initialanpassung erfolgt oft in der Praxis. Es ist sinnvoll, dass eine Person mit dem Pessary vertraut gemacht wird, um das Einsetzen zu üben, einschließlich der richtigen Position und Beachtung von Hygiene. Nach dem ersten Einsetzen sollte die Patientin einige Stunden bis zu 24 Stunden beobachten, ob Beschwerden auftreten oder der Sitz nachjustiert werden muss. Der richtige Sitz verhindert Druckschmerz, Ulzerationen oder übermäßige Reibung.
Die korrekte Anwendung ist der Schlüssel zu Beschwerdenfreiheit. Es gibt verschiedene Vorgehensweisen, je nach Typ, individuellen Bedürfnissen und ärztlicher Empfehlung. Die nachfolgenden Hinweise dienen als allgemeine Orientierung und ersetzen nicht die individuelle Anleitung durch das medizinische Fachpersonal.
Schritte zum Einsetzen eines Pessary zu Hause
- Händewaschen und saubere, trockene Hände sicherstellen.
- Unterstützende Körperhaltung wählen: Eine bequeme Sitz- oder Hockhaltung erleichtert das Einführen.
- Das Pessarium so vorbereiten, dass es glatt und trocken ist. Bei Ring- oder Donut-Designs kann eine leichte Schmiercreme auf Wasserbasis das Einführen erleichtern.
- Langsam einführen, bis es bequem sitzt und keine Druckstellen oder scharfen Kanten spürbar sind.
- Sexuelle Aktivität, Sport oder langes Stehen sollten nach dem Einsetzen möglich sein – allerdings ist das individuelle Sicherheitsgefühl maßgeblich.
Hinweise zum Herausnehmen und Wechseln
Regelmäßige Kontrolle des Pessariums ist wichtig. Die übliche Wechselhäufigkeit variiert je nach Modell, Material und ärztlicher Anweisung, meist jedoch alle 4–12 Wochen. Bei Beschwerden, Schmerzen, übermäßiger Geruchsbildung oder Infektionszeichen sollte das Pessarium sofort entfernt und medizinisch geprüft werden.
Was tun bei Unbehagen oder falschem Sitz?
Wenn beim Sitzen oder Stehen Druck, Stechen oder Veränderung im Befinden auftreten, kann eine Neupositionierung notwendig sein. In manchen Fällen ist eine Anpassung der Größe oder Form erforderlich. Der Austausch gegen ein anderes Modell erfolgt in der Regel durch die behandelnde Gynäkologin oder den Gynäkologen. Eine regelmäßige Nachsorge stellt sicher, dass das Pessarium auch langfristig gut funktioniert.
Ordnungsgemäße Pflege verlängert die Lebensdauer des pesszárium und schützt vor Infektionen. Die Reinigung erfolgt in der Regel nach dem Entfernen oder je nach ärztlicher Anweisung täglich oder mehrmals pro Woche. Die Materialien erfordern unterschiedliche Vorgehensweisen:
- Silicone Pessaria: Mit lauwarmem Wasser und milder, pH-neutraler Seife reinigen. Keine aggressive Desinfektionsmittel verwenden. Gründlich abspülen und lufttrocknen lassen.
- Latex-Pessaria: Reinigung ähnlich, aber auf die Materialverträglichkeit achten. Latex kann empfindlich gegenüber bestimmten Lösungsmitteln sein.
Zusatzhinweise:
- Immer trocknen lassen, bevor das Pessarium wieder eingesetzt wird.
- Saubere Lagerung in einem geeigneten Behälter, geschützt vor Staub und Bakterien.
- Bei Veränderungen der Hautgesundheit oder wiederkehrenden Infekten frühzeitig medizinischen Rat einholen.
Wie bei jeder medizinischen Maßnahme können auch Pessaria Nebenwirkungen haben. Die meisten Frauen berichten von guter Verträglichkeit, doch es können auftreten:
- Druck- oder Druckschmerzgefühl, besonders bei falschem Sitz.
- Lokale Irritationen, Materialreizungen oder Hautausschläge.
- Infektionen des Genital- oder Hernbereich, insbesondere bei unsachgemäßer Reinigung oder längerer Tragezeit ohne Wechsel.
- Seltene, aber mögliche Gewebeveränderungen, die ärztliche Abklärung erfordern.
Wichtige Hinweise: Wenn Fieber, starke Schmerzen, ungewöhnlicher Ausfluss oder Geruch auftreten, ist umgehend medizinische Hilfe zu suchen. Die regelmäßige Nachsorge bei der behandelnden Fachärztin oder dem behandelnden Facharzt minimiert Risiken und gewährleistet eine sichere Anwendung.
Ein Pessarium zielt darauf ab, das tägliche Leben zu erleichtern, statt es zu behindern. Viele Patientinnen berichten eine erhöhte Lebensqualität, weil Belastungen im Alltag reduziert werden und Sport oder Freizeitaktivitäten wieder besser möglich sind. Wichtig bleibt eine realistische Erwartungshaltung: Das Pessarium ist eine begleitende Lösung, kein Allheilmittel. Sexuelle Aktivität kann durch korrekt sitzendes Pessarium oft ohne Einschränkungen fortgeführt werden, vorausgesetzt, es wird regelmäßig gewechselt und gut gepflegt. Offenheit im Gespräch mit dem Partner kann die Akzeptanz und das Verständnis stärken, was sich positiv auf das gemeinsame Wohlbefinden auswirkt.
Für schwangere Frauen kann das Pessarium eine sinnvolle Unterstützung darstellen, wenn Prolaps-Symptome oder Belastungsinkontinenz Beschwerden verursachen. In der Schwangerschaft ist eine engmaschige ärztliche Begleitung wichtig, um das Pessarium angepasst zu halten und keine Risiken für Mutter oder Kind zu erzeugen. Nach der Geburt kann ein Pessarium helfen, die Beckenbodenmuskulatur zu stabilisieren, insbesondere wenn sich nach der Geburt eine Prolaps- oder Inkontinenz-Symptomatik zeigt. Die Behandlung in der Zeit der Schwangerschaft und danach erfolgt immer individuell, abgestimmt auf die medizinische Empfehlung und die Lebensumstände der Patientin.
Nach der anfänglichen Anpassung ist regelmäßige Nachsorge entscheidend. Typische Intervalle liegen bei 6–12 Monaten, je nach Modell, Befund und individueller Situation. In der Praxis werden Sitz, Komfort, Hautzustand und eventuelle Infektionen geprüft. Änderungen im Beckenboden, die sich durch Gewichtszunahme, neue Belastungen oder hormonelle Veränderungen ergeben, können eine erneute Anpassung oder einen Wechsel des Pessariums erforderlich machen. Eine gute Kommunikation mit dem medizinischen Team erleichtert frühzeitiges Handeln und verhindert langfristige Beschwerden.
Wie bei vielen medizinischen Hilfsmitteln kursieren unterschiedliche Vorstellungen. Hier einige häufige Missverständnisse und die Fakten dazu:
- Mythos: Ein Pessarium heilt Beckenbodenprobleme vollständig. Fakten: Es unterstützt Gewebe und reduziert Beschwerden, ersetzt aber keine rehabilitierenden Maßnahmen wie Beckenbodenübungen (Kegeln) oder physikalische Therapien.
- Mythos: Ein Pessarium schränkt das Sexualleben stark ein. Fakten: Bei korrektem Sitz und Reinigung können viele Patientinnen weiterhin sexuell aktiv sein.
- Mythos: Pessaria sind dauerhaft. Fakten: Die meisten Modelle benötigen regelmäßigen Wechsel oder Anpassungen, oft alle 4–12 Wochen, je nach Material und Befund.
Hier finden Sie kurze Antworten auf häufig gestellte Fragen rund um pesszárium:
- Wie erkenne ich, welches Pessarium das Richtige ist? – Die Qual der Wahl hängt von Befund, Prolaps-Schwere und persönlichen Vorlieben ab. Eine Fachärztin oder ein Facharzt führt eine individuelle Anpassung durch.
- Wie oft sollte ich das Pessarium wechseln? – In der Regel alle 4–12 Wochen, abhängig vom Modell, Material und Hygiene. Nachsorge ist wichtig.
- Kann ich mit Pessarium schwanger werden? – Nein. Das Pessarium ist kein Verhütungsmittel. In vielen Fällen wird während einer Schwangerschaft eine spezielle Anwendung empfohlen oder angepasst.
- Welche Hygienemaßnahmen sind besonders wichtig? – Gründliche Reinigung mit Wasser und milder Seife, ausreichendes Trocknen, saubere Lagerung und regelmäßige ärztliche Checks.
- Was passiert, wenn ich mich nicht wohlfühle oder unklarheiten habe? – Vereinbaren Sie zeitnah einen Termin bei Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen. Selbsthilfe kann sinnvoll sein, ersetzt aber nicht fachliche Beratung.
Ein Pessarium bietet eine gut belegte, nicht-operative Behandlungsoption für verschiedene Formen von Beckenbodenproblemen und Belastungsbeschwerden. Durch eine individuelle Anpassung, regelmäßige Pflege und enge Zusammenarbeit mit dem medizinischen Team können viele Patientinnen eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden und eine gesteigerte Lebensqualität erleben. Die Entscheidung für ein pesszárium ist oft eine, die gemeinsam mit der behandelnden Ärztin getroffen wird – mit Blick auf Sicherheit, Komfort und Alltagstauglichkeit. Wenn Sie sich in einer entsprechenden Situation befinden, lohnt sich eine offene Beratung über die Möglichkeiten, die ein Pessarium bietet – sowohl für Ihre Gesundheit als auch für Ihre Lebensqualität in Österreich und darüber hinaus.